Von Sprache und Bewusstsein
Das Grubenunglück in der chilenischen Atacama-Wüste hat einen glücklichen Ausgang gefunden. Das weltweite Medieninteresse wird ganz allmählich abflauen, die geretteten Kumpel werden ins Alltagsleben zurückkehren und möglicherweise vorher zahllose Interviews und Fernsehauftritte zu absolvieren haben, der eine oder andere wird vielleicht sogar ein Buch schreiben, und so mancher Regisseur hat sicher schon ein Drehbuch über die Monate der Gefangenschaft unter Tage in der Schublade.
Doch schon jetzt steht fest, dass das Grubenunglück unser Weltbild und unser Bewusstsein verändert hat. Wer kannte überhaupt vorher die Atacama-Wüste? Geografisch gesehen ist Chile für viele Erdkunde-Muffel nun kein weißer Fleck auf der Weltkarte mehr, ist Chile also nicht mehr nur die Pinochet-Diktatur, Isabell Allende oder chilenischer Rotwein. Nun kennen wir auch die Zustände in chilenischen Minen, freuen uns an der Begeisterung des chilenischen Volkes angesichts der Rettung ihrer Landsleute, und so mancher wundert sich vielleicht sogar, dass in einem Land, in dem die Minen häufig in einem maroden Zustand sind, tatsächlich eine derartige ingenieurtechnische Höchstleistung wie die Rettung der Bergleute aus 700 Meter Tiefe ermöglicht wurde.
Uns als
Übersetzungsbüro interessiert das Ereignis aus vielerlei Hinsicht. Denn sprachlich finden im Zusammenhang mit derartigen Ereignissen Veränderungen statt. Plötzlich sprechen wir nicht mehr nur von "Kumpels", sondern geben uns kosmopolitisch und verwenden den Hispanismus "Mineros".
Übersetzern und
Dolmetschern ist dieses Phänomen geläufig. Insbesondere die
Dolmetscher müssen auf diesen Umstand reagieren. In diesem Fall dürfen sie beispielsweise beim
Dolmetschen aus dem
Spanischen ins Deutsche "mineros" mit "mineros" übersetzen und können so mit ihrem kosmopolitischen Sprachansatz glänzen. Schaut man sich einmal die Liste der in der deutschen Sprache eingebürgerten Hispanismen an, so wundert man sich über deren Vielzahl. So ist beispielsweise der Bandit eine Entlehnung aus der
spanischen Sprache, und eine ganze "Armada" spanischer "Barkassen" schippert, von "El Nino" getrieben, der "Cafetaria" am Ufer entgegen.
Zudem sehen sich
Dolmetscherinnen und
Dolmetscher häufig mit dem Phänomen "Unwort" konfrontiert, und manchmal sind es gar ganze Sinnsprüche, die in den alltäglichen Sprachgebrauch übergehen, beispielsweise Gorbatschows "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" (hoffen wir mal, der zuständige
Dolmetscher hat das seinerzeit korrekt übersetzt...).
Unwörter in andere Sprachen zu übersetzen und dabei erkennen zu geben, dass es sich hierbei um einen ganz besonderen, mit einer speziellen Bedeutung versehenen Begriff handelt, stellt immer eine Herausforderung für die zuständigen
Dolmetscher dar, was in der Vergangenheit Konstrukte wie "Abwrackpräme", "Wir sind Papst", "Schattenhaushalt" oder "betriebsratsverseucht" gezeigt haben. Und vielleicht wird auch der Begriff "Unglücksmine" in die lange Reihe dieser Wörter aufgenommen.
Während französische Existenzialisten wie Jean-Paul Sartre oder Simone de Beauvoir der Frage nachgingen, ob das Sein das Bewusstsein bestimmt oder umgekehrt, hat sich der deutsche Gelehrte Wilhelm von Humboldt gefragt, inwiefern Sprache das Bewusstsein verändern kann. Wir können diese Frage hier und heute nicht beantworten, das Bewusstsein erweitern kann Sprache, das hat das Beispiel des Grubenunglücks erwiesen, allemal, denn auch "bildungsferne Schichten" (auch so ein Unwort) kennen nun den Namen des chilenischen Staatspräsidenten Sebastian Pinera. In unserem globalen Bewusstsein wird er immer als der Retter der Mineros weiterleben.